12/27/2019
DAK-Gesundheitsreport 2019

»Trinken, Dampfen, Gamen«

Gravierende Probleme durch Alkohol, Zigaretten und neuerdings durch Computerspielen

Prof. Dr. Stephan Bender, Foto: Michael Wodak
Prof. Dr. Stephan Bender, Foto: Michael Wodak

Kurz vor dem Jahreswechsel haben die Krankenkasse DAK-Gesundheit und die Uniklinik Köln gemeinsam in einem Pressegespräch am 27.12.2019 den aktuellen Gesundheitsreport 2019 präsentiert. Der Krankenstand in Köln ist 2018 gestiegen. Allerdings liegen die Fehltage insgesamt deutlich unter Landesschnitt. Die Sonderanalyse zum Thema „Trinken, Dampfen, Gamen“ zeigte: Zahlreiche Erwerbstätige haben gravierende Probleme durch Alkohol, Zigaretten und – das ist neu – durch Computerspielen.

2018 ist der Krankenstand in Köln gestiegen: Die Ausfalltage aufgrund von Erkrankungen lagen um 0,2 Prozentpunkte über dem Vorjahresniveau. Mit 3,7 Prozent gab es in der Region einen deutlich niedrigeren Krankenstand als im Landesdurchschnitt (4,3 Prozent). „Laut unserem Gesundheitsreport waren damit an jedem Tag des Jahres von 1.000 Arbeitnehmern 43 krankgeschrieben. Der höchste Krankenstand in Nordrhein-Westfalen wurde mit 5,7 Prozent in Gelsenkirchen und Bottrop verzeichnet, der niedrigste mit 3,6 Prozent in Gütersloh und in der Landeshauptstadt Düsseldorf“, berichtete Thomas Rückert, DAK-Gesundheit, Leiter Servicezentrum Köln, zu Beginn des Pressegespräches.

Die aktuelle Analyse der DAK-Gesundheit für Köln zeigt die wichtigsten Veränderungen bei der Zahl und Dauer der Krankschreibungen: Den größten Anstieg gab es bei den Ausfalltagen auf Grund von Verletzungen und Vergiftungen. Hier wurde ein Zuwachs von fast 43 Prozentpunkten verzeichnet. Einen leichten Anstieg um drei Prozentpunkte gab es bei den Krankheitstagen durch Atemwegserkrankungen wie Bronchitis und Sinusitis. Sie belegen im Ranking der häufigsten Diagnosegruppen den dritten Rang. Mit einem Rückgang um zwei Prozent blieben die Fehlzeiten wegen Erkrankungen des Muskel-Skelettsystems wie Rückenschmerzen die zweithäufigste Diagnose. Wie im Vorjahr auf Platz 1: die Fehltage wegen psychischer Erkrankungen wie Depressionen. Diese nahmen zwar um elf Prozent ab, machten jedoch mit 19 Prozent weiterhin den größten Anteil am Krankenstand aus.

Für das Schwerpunkthema Sucht wertete das IGES Institut die Fehlzeiten aller erwerbstätigen Mitglieder der DAK-Gesundheit in Nordrhein-Westfalen aus – flankiert von Analysen der ambulanten und stationären Versorgung. Eine repräsentative Befragung von 5.000 Beschäftigten sowie eine Expertenbefragung gaben Aufschluss über die Verbreitung und den Umgang mit den verschiedenen Suchtmitteln und Verhaltensweisen. Das Fazit: Hunderttausende Beschäftigte zwischen Rhein und Weser haben ein Suchtproblem. Konkret bedeutet das: Fast 1,2 Millionen Arbeitnehmer zeigen einen riskanten Alkoholkonsum – das ist jeder achte Beschäftigte. 19,3 Prozent der Arbeitnehmer hierzulande sind zigarettenabhängig.

Laut DAK-Gesundheitsreport 2019 haben Arbeitnehmer in Nordrhein-Westfalen mit Hinweisen auf eine sogenannte Substanzstörung deutlich mehr Fehltage im Job als ihre Kollegen ohne auffällige Probleme. „Der Krankenstand der Betroffenen ist mit 7,7 Prozent mehr als doppelt so hoch. Sie fehlen aber nicht nur im Job, weil sie wegen ihrer Suchtproblematik krankgeschrieben werden. Vielmehr zeigen sich bei ihnen in allen Diagnosegruppen mehr Fehltage. Besonders deutlich ist der Unterschied bei den psychischen Leiden. Hier sind es mehr als dreimal so viele Fehltage“, berichtete Univ.-Prof. Dr. Stephan Bender, Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Uniklinik Köln.

Drei Viertel der direkten Krankmeldungen bei Suchtproblemen sind in Nordrhein-Westfalen auf Alkohol zurückzuführen. Laut DAK-Studie haben 13,3 Prozent der Arbeitnehmer hierzulande einen riskanten Alkoholkonsum. Bei Männern beginnt das beispielsweise bei täglich mehr als zwei 0,3 Liter-Gläsern Bier, bei Frauen schon bei einem 0,3 Liter-Glas Bier pro Tag. Mit ihrem Trinkverhalten setzen sich fast 1,6 Millionen Erwerbstätige in Nordrhein-Westfalen Risiken aus, krank oder abhängig zu werden. „Keine Droge verursacht so umfangreiche soziale und gesundheitliche Schäden in der Gesellschaft wie Alkohol. Das riskante Trinken bleibt daher ein zentrales Problem im Westen, das auch gravierende Folgen in der Arbeitswelt hat“, sagte Prof. Bender. Rückert ergänzte: „Sucht ist eine Krankheit, die jeden treffen kann. Wir wollen eine breite und offene Debatte anstoßen. Wir müssen hinsehen, hinhören und handeln, um Betroffene nicht allein zu lassen.“

Erstmals untersucht der Report auch das Thema Gaming und seine Auswirkungen auf die Arbeitswelt. Demnach spielen 58 Prozent der Erwerbstätigen in Nordrhein-Westfalen Computerspiele. Knapp sieben Prozent der Erwerbstätigen gelten als riskante Gamer. Das heißt: 581.000 Beschäftigte zeigen auffälliges Nutzungsverhalten. „Vor allem junge Beschäftigte zwischen 18 und 29 Jahren sind laut DAK-Report riskante Computerspieler (11,6 Prozent). Jeder elfte Mitarbeiter mit riskantem Spielverhalten gab bei der Analyse an, in den letzten drei Monaten wegen des Spielens abgelenkt oder unkonzentriert bei der Arbeit gewesen zu sein. Von den Erwerbstätigen mit einer Computerspielsucht war es sogar jeder Dritte (33,3 Prozent)“, so Prof. Bender.

Prof. Bender erklärte, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die internationalen Klassifikationssysteme der gestiegenen Bedeutung von nicht-stoffgebundenen Süchten zunehmend Rechnung tragen. In der amerikanischen Klassifikation von Erkrankungen (DSM-5) und seelischen Störungen, wurde die „internet gaming disorder“ bereits vor einiger Zeit aufgenommen und mit ICD 11 (interantional classification of diseases) zieht die WHO nun nach. Damit ist die Grundlage geschaffen, nicht nur riskantes Spielen, sondern die Online-Spielsucht als medizinische Erkrankung nach vorgegebenen Kriterien zu erfassen.

Wann ist jemand tatsächlich im krankhaften Sinn spiel-süchtig? Die WHO legt folgende Kriterien zugrunde: Wenn die Kontrolle über das Spielverhalten verloren geht, wenn dem Spielen eine so hohe Bedeutung zugemessen und soviel Zeit damit verbracht wird, dass andere Interessen und Bedürfnisse in beeinträchtigendem Ausmaß vernachlässigt werden, und schließlich trotz bereits eingetretener negativer Folgen das Computerspiel weiter beibehalten oder sogar noch zeitlich ausgebaut wird. Gerade Jugendliche sind durch die Phase der Adoleszenz, in der sie viel Neues ausprobieren müssen, sowie durch ihre rasche Lernfähigkeit in Bezug auf neue Technologien eine anfällige Zielgruppe für exzessive Mediennutzung und Computerspiele. Dabei steht das Handy dem Computer in nichts nach.

Ältere Schätzungen noch vor Einführung der neuen diagnostischen Kriterien gehen von einer Häufigkeit von 1-2 Prozent bei Jugendlichen aus. Gemeinsam haben alle Süchte, auch die Verhaltenssüchte, zu denen das Computerspielen oder eine Handy-Abhängigkeit gehören, dass das Belohnungszentrum im Gehirn so stark aktiviert wird, dass eine Toleranzentwicklung eintritt, das heißt, dass soziale und „normale“ Belohnungsreize ihre Attraktivität verlieren und schließlich nur noch das Suchtverhalten in der Lage ist, das Belohnungszentrum zu aktivieren.

Ohne Substanzkonsum oder das Suchtverhalten fallen die Betroffenen in ein Loch, das sogenannte „craving“, in dem mehr Droge oder Suchtverhalten vom Körper gefordert wird. Alle Freundschaften und auch familiäre Beziehungen verblassen vor dem Hintergrund der Einengung der Interessen auf das Suchtverhalten. Dies hat katastrophale Folgen auf eine ausdifferenzierte Persönlichkeitsentwicklung, da diese durch das Suchtverhalten praktisch gekappt wird. So lässt sich auch eine Internet-Sucht klar von einer konstruktiven Mediennutzung unterscheiden. Nur durch eine entsprechende altersadäquate Medienkompetenz können digitale Suchtgefahren minimiert werden.

Die nach wie vor verbreitetste Sucht, die auch die Arbeitswelt betrifft, ist allerdings das Rauchen. 19,3 Prozent der Erwerbstätigen sind zigarettenabhängig. Unter den jungen Erwerbstätigen zwischen 18 und 29 Jahren gibt es mit 16,3 Prozent den geringsten Anteil. Bei den 60- bis 65-jährigen Berufstätigen raucht fast jeder Vierte (23,7 Prozent). Etwa jeder zweite Raucher raucht auch während seiner Arbeitszeit, also außerhalb der Arbeitspausen. Derzeit dampfen über 5,6 Prozent der Erwerbstätigen in Nordrhein-Westfalen E-Zigarette. Raucher von E-Zigaretten greifen oft parallel zur herkömmlichen Zigarette, belegt der DAK-Report. „Dampfer“ finden sich deshalb fast ausschließlich unter Rauchern und Ex-Rauchern.

Die DAK-Gesundheit ist eine der größten Krankenkassen Deutschlands. Sie hat 1,1 Millionen Versicherte in Nordrhein-Westfalen, davon rund 100.000 Versicherte (Familienversicherte und Rentner eingeschlossen) in der Stadt Köln.

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