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04.11.2025 Leopoldina

Kinderblindheit im Fokus: Prävention und Kuration neu denken

Diskussionspapier der Nationalen Akademie der Wissenschaften

(v.l.) Prof. Dr. Claus Cursiefen und Prof. Dr. Verena Prokosch, Fotos: Michael Wodak / Klaus Schmidt

Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina hat sich in einem Diskussionspapier zur Vermeidung und Bekämpfung der Kinderblindheit weltweit positioniert. Beteiligt waren zwei Augenspezialisten des Zentrums für Augenheilkunde der Uniklinik Köln: Univ.-Prof. Dr. Claus Cursiefen als Mitglied der Leopoldina und Hornhautspezialist sowie Univ.- Prof. Dr. Verena Prokosch als Glaukomspezialistin.

Die internationale Gesundheitspolitik und die deutsche Entwicklungszusammenarbeit haben in der Vergangenheit einen besonderen Schwerpunkt auf präventive Maßnahmen gelegt. Dafür gibt es gute medizinische Gründe, wie die systematische Bekämpfung von Infektionskrankheiten durch Impfungen oder die Versorgung mit Vitamin A zur Verhütung von Hornhautblindheit zeigen (Primärprävention). Mit der Zunahme präventiver Strategien ist die kurative Gesundheitsversorgung allerdings in den Hintergrund getreten. Für eine ausgewogene globale Gesundheitspolitik ist das von Nachteil, denn es gibt Krankheitsbilder mit großen gesellschaftlichen Auswirkungen, die sich gar nicht beziehungsweise nicht ausreichend präventiv beeinflussen lassen, sondern eine kurative Versorgung erfordern. 

Am Beispiel der Kinderblindheit im Fall von grauem oder grünem Star zeigt sich, dass Prävention und Kuration in der internationalen Gesundheitspolitik künftig besser ausbalanciert und zugleich miteinander verschränkt werden sollten. Das gilt somit auch für die deutsche Entwicklungszusammenarbeit mit Partnern in Afrika, wo einer effizienten kurativen Medizin mehr Beachtung geschenkt werden sollte. Kinder mit beidseitig getrübten Linsen (grauer Star, Katarakt) sind blind, können aber durch einen möglichst frühzeitigen chirurgischen Eingriff nahezu vollständig in die Gesellschaft integriert werden. Das gleiche gilt für die meisten Kinder mit bereits vorgeburtlich erhöhtem Augendruck (grüner Star, Glaukom), wenn sie rechtzeitig identifiziert und chirurgisch behandelt werden.

Für eine Neujustierung der deutschen Entwicklungszusammenarbeit und der globalen Gesundheitspolitik, mit dem Ziel der Gleichwertigkeit von präventiven und kurativen Maßnahmen, ist die Behandlung der Kinderblindheit ein geeignetes Beispiel, an dem sich der medizinische, soziale, moralische und auch ökonomische Mehrwert der anzustrebenden Verschränkung von Prävention und Kuration gut illustrieren lässt. 

Vor diesem Hintergrund werden drei aufeinander aufbauende Handlungsansätze empfohlen:

  1. Eine strategische Neujustierung der internationalen Gesundheitspolitik und der deutschen Entwicklungspolitik mit dem Ziel einer ausgewogeneren Gewichtung und der stärkeren Verschränkung von Prävention und Kuration. Dieser Gesichtspunkt sollte bei der Fortschreibung der Strategie der Bundesregierung zur globalen Gesundheit Berücksichtigung finden.
  2. Die operative Fokussierung der Bundesrepublik Deutschland auf Bildung und Unterstützung institutionalisierter Partnerschaften in der Entwicklungszusammenarbeit mit dem Ziel einer nachhaltigen Hilfe zur Selbsthilfe. 
  3. Für die Stärkung von Kuration in der globalen Gesundheitsversorgung sollte der Bund ein Rahmenprogramm zur staatlichen Förderung bereitstellen, das unterschiedliche Maßnahmen umfasst, die flexibel und bedarfsgerecht kombiniert werden können.

Auch auf nationaler Ebene braucht es, so die Forderung der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG), verstärkte Anstrengungen zur Erforschung und damit besseren Therapie von bisher wenig verstandenen, in der Regel altersassoziierten Erkrankungen des Auges. Prof. Cursiefen sagt als Generalsekretär der DOG: „Dazu ist ein ,Deutsches Augenforschungszentrum‘ nötig, analog zu einem Deutschen Zentrum für Gesundheitsforschung zum Thema Augenheilkunde." 

Der Kölner DFG Sonderforschungsbereich SFB 1607 beschäftigt sich mit den Ursachen und neuen Therapien bei und für altersbezogene Erblindungsursachen wie Glaukom und Makuladegeneration. Die beiden Autoren des Leopoldina Diskussionspapiers Prof. Cursiefen (Sprecher des SFBs) und Prof. Prokosch (Stv. Sprecherin des SFBs) sind aktiv im SFB involviert.