06.06.2020
Tag der Organspende

»Solidarität für Kranke und Schwache beibehalten«

Interview mit dem Transplantationsbeauftragten Dr. Dirk Schedler

Dr. Dirk Schedler, Foto: Michael Wodak
Dr. Dirk Schedler, Foto: Michael Wodak

Herr Dr. Schedler, wie hat sich die Situation in Deutschland und an der Uniklinik Köln nach der abgelehnten Widerspruchslösung im Januar diesen Jahres aus Ihrer Sicht entwickelt?

Auch wenn die Entscheidung des Bundestages eine gute Chance zur deutlichen Verbesserung der Organspende-Zahlen ausgelassen hat, zeigt sich sowohl bei uns an der Uniklinik Köln als auch in ganz Deutschland ein günstiger Trend. Die Zahl der Organspender in Deutschland ist im Vergleich zum Vorjahreszeitraum in den ersten Monaten dieses Jahres um circa zehn Prozent gestiegen. Auch an der Uniklinik Köln haben wir in diesem Jahr schon sieben Organspenden realisieren können. Das ist bereits jetzt mehr, als im gesamten letzten Jahr. Ich führe diese positive Entwicklung zum einen auf die im April 2019 in Kraft getretene Gesetzesnovelle des Transplantationsgesetzes zurück, die neben vielen anderen Verbesserungen auch bewirkt hat, dass ich als Transplantationsbeauftragter für meine Aufgabe freigestellt bin. Zum anderen auf die Tatsache, dass die Debatte um die Widerspruchslösung dank einer regen medialen Berichterstattung dazu geführt hat, dass viele Menschen innerhalb der Familie und des Freundeskreises über dieses wichtige Thema gesprochen haben. Von den Angehörigen unserer Organspender haben wir danach nicht nur einmal Sätze gehört wie „…da haben wir gerade kürzlich erst drüber gesprochen , als das Thema wegen der Abstimmung im Bundestag in aller Munde war.“ Diese Gespräche haben den Angehörigen, selbst wenn der Spender keinen Ausweis hatte, die sonst schwierige Entscheidung spürbar erleichtert.

Hat die Corona-Pandemie Auswirkungen auf die Organspende?

Die Corona-Pandemie hat Auswirkungen auf das gesamte deutsche Gesundheitssystem, wenn auch nicht in dem Ausmaß wie in den europäischen Nachbarländern oder den USA. Gerade die großen Kliniken, die durch die Fachabteilungen zur Behandlung schwerer Hirnschädigungen auch eine wesentliche Rolle für die Organspende spielen, sind häufig auch Zentren für Infektionserkrankungen und/oder Lungenversagen. Damit treffen hier die Behandlung von COVID-19-Patienten und die Betreuung potentieller Organspender häufig zusammen. Ich freue mich aber, dass alle an der Behandlung dieser Menschen Beteiligten trotz der hohen Anforderungen in Zeiten der Pandemie das Thema Organspende nicht aus den Augen verloren haben. Trotz der Pandemie sind die Organspende-Zahlen gestiegen. Das ist dem außergewöhnlichen Engagement meiner Kolleginnen und Kollegen auf den verschiedenen Intensivstationen zu verdanken. Sie versuchen Menschen mit unwiderruflichem Ausfall der Hirnfunktion zu ermöglichen, andere Leben zu verbessern oder gar zu retten – auch unter den aktuellen Bedingungen.

Wie werden die Organempfänger vor einer Coronavirus-Infektion geschützt?

Natürlich gilt es in dieser Zeit, die ohnehin schon akribischen Maßnahmen zum Schutz der Organempfänger vor einer Infektion, besonders auf die Herausforderung Coronavirus anzupassen. Alle Spender werden auf SARS-CoV-2 getestet und von den Angehörigen mögliche Risikofaktoren für eine vorliegende Infektion erfragt. Diese Erkenntnisse werden zusammen mit den sorgfältigen medizinischen Untersuchungen des potenziellen Spenders bei der Prüfung einer möglichen Organspende berücksichtigt. So soll ein bestmöglicher Schutz der Empfänger auch vor einer COVID-19-Infektion gewährleistet werden.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ich würde mir wünschen, dass die Corona-Krise die Gedanken und Vorstellungen zum Thema Organspende, die Anfang des Jahres in so vielen Haushalten Thema waren, nicht ausgelöscht hat. Und, dass die Solidarität für Kranke und schwache Menschen, die wir Deutschen in der Krise entwickelt haben, beibehalten wird und den ein oder anderen dazu bringt, auch ein potenzieller Organspender zu werden und damit vielleicht Leben zu retten.

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