29.02.2020
Coronavirus

»COVID-19 - Es ist eine sehr ernst zu nehmende Situation«

Prof. Dr. Florian Klein zu Sars-CoV-2 und zum Fall des Düsseldorfer Patienten

Prof. Dr. Florian Klein, Foto: Michael Wodak
Prof. Dr. Florian Klein, Foto: Michael Wodak

Interview mit Univ.-Prof. Dr. Florian Klein, Direktor des Instituts für Virologie an der Uniklinik Köln

Herr Prof. Klein, wir haben vor vier Wochen über das neuartige Coronavirus gesprochen. Was hat sich seitdem verändert? Welche neuen Erkenntnisse gibt es?

Das Virus hat sich weiterverbreitet und es gibt jetzt Infektionen in über 50 Ländern. Insgesamt wurden weltweit über 83.000 Infektionen nachgewiesen – davon mehr als 4.000 bestätigte Fälle außerhalb von China. Des Weiteren beginnen wir wichtige Aspekte zur Biologie des Virus, zum Krankheitsverlauf und zur Übertragung zu verstehen.

Welche sind das?

Unter anderem, dass sich das Virus bereits in den oberen Atemwegen vermehren kann und dadurch leicht von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Zudem erkrankt der Großteil der infizierten Personen relativ leicht und so kann das Virus schnell an andere Personen weitergegeben werden.

Viele fragen sich, wie gefährlich das Virus ist – beispielsweise im Vergleich zur Influenza.

Das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2 löst zum Teil schwere Atemwegserkrankungen aus und ist leicht übertragbar. Wenn solch ein Virus auf eine Bevölkerung ohne Immunität trifft, ist das erstmal immer eine sehr ernst zu nehmende Situation. Bei der saisonalen Grippe werden häufig Zahlen genannt, die sich aus einer Übersterblichkeit während der Grippesaison ableiten. Das bedeutet: Wir sehen mehr Todesfälle während der Grippesaison als in den Sommermonaten, in denen das Grippevirus nicht zirkuliert. Bezogen auf die Infektionen mit SARS-CoV-2 bewerten wir aber eine Fallsterblichkeit, das heißt, wie viele der infizierten Personen sterben. Diese Zahl bewegt sich bei SARS-CoV-2 Infektionen, die außerhalb von China auftreten, aktuell in einer Größenordnung von circa 0,5 bis 1 Prozent. Das ist eine hohe Zahl. Betrachtet man auch bei der saisonalen Grippe die Fallsterblichkeit, dann liegt diese darunter. Somit ist zum aktuellen Zeitpunkt eine Infektion mit SARS-CoV-2, im Vergleich zur saisonalen Influenza, als gefährlicher einzustufen.

Der Fall des Patienten in Düsseldorf, der auch kurzzeitig in der Uniklinik Köln war, hat Vielen Sorge bereitet. Wie war Ihre Einschätzung?

Wir haben erwartet, dass es auch in Deutschland zu weiteren Infektionen kommt. Daher war ein Patient mit einer SARS-CoV-2 Infektion keine Überraschung. Außergewöhnlich war bei diesem Patienten, dass kein bekannter Risikokontakt vorlag. Aus einem völlig anderen Grund war der Patient dann mehrere Tage vor seiner schweren Erkrankung bei uns in der Uniklinik. Aufgrund der zeitlichen Abfolge seiner Infektion mussten wir jedoch davon ausgehen, dass er bereits zu diesem Zeitpunkt das Virus hätte weitergeben können. Dadurch war schnell klar, dass hier eine Abklärung erfolgen musste. Innerhalb kürzester Zeit wurden dann Kontaktpersonen identifiziert, isoliert und auf eine mögliche Infektion hin getestet. Die großartige interprofessionelle Zusammenarbeit innerhalb der Uniklinik Köln war hier sehr beeindruckend und hat zu einer schnellen Klärung geführt.

Wird man denn jetzt alle Infektionen verhindern können?

Nein, aber der Zeitgewinn ist trotzdem sehr wichtig, um die Verbreitung so stark wie möglich zu verlangsamen. Zudem können wir so mehr Informationen sammeln - über das Virus, über die dadurch verursachte Krankheit und über den Einsatz von Medikamenten – und es gibt es uns Zeit, einen Impfstoff zu entwickeln. Des Weiteren kommen wir aus der Influenza-Saison heraus und in die Sommermonate hinein. Das kann, nach allem was wir wissen, auch ein Vorteil sein, da es dann eventuell weniger leicht zu Übertragungen kommt. Wir wollen die Verbreitung so lange wie möglich auf sehr kleinem Niveau halten und gehen deshalb aktuell jeder Infektion nach.

Und an der Uniklinik?

Die Uniklinik, aber auch die anderen Versorgungsstrukturen, müssen in ganz besonderem Maße geschützt und die Funktionstüchtigkeit erhalten werden – zum Wohl der Mitarbeiter und natürlich auch zum Schutz unserer Patienten, die ein höheres Risiko haben schwer zu erkranken. Darauf sind unsere Beobachtungen und Testungen im besonderen Maße abgestimmt.

Was passiert jetzt an Ihrem Institut für Virologie in Bezug auf den neuen Erreger?

Wir fokussieren uns auf zwei Aspekte: Das sind einerseits die sprunghaft gestiegenen Untersuchungsanfragen. Dies erfordert Anpassungen in der Struktur und auch die Entwicklung und Validierung neuer optimierter Testverfahren. Anderseits untersuchen wir genau die Patienten, die bereits eine Infektion überstanden haben. Hier analysieren und isolieren wir die gebildeten Antikörper, die dann zum Schutz aber auch zur Therapie von SARS-CoV-2-Infektionen eingesetzt werden können. Solche monoklonalen Antikörper wären eine sehr große Hilfe, besonders um Risikogruppen zu schützen und um SARS-CoV-2-Infektionen behandeln zu können. Für die Anstrengungen in beiden Bereichen möchte ich ausdrücklich meinen Mitarbeitern im Institut für ihren großartigen Einsatz in den vergangenen Tagen danken. Sie haben nahezu rund um die Uhr fantastische Arbeit geleistet.

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